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Leerstellen in der Stadt füllen
Stefan Nolte inszeniert gern an ungewöhnlichen Orten. Unter seiner Regie wird Weißwasser nun zur Bühne.

von
ANETT BÖTCHER



Volkshaus, Neufert-Bau, Sorauer Platz, Boulevard - auf diese Orte in Weißwasser hat Stefan Nolte durch Kinder einen ganz eigenen Blick bekommen. Seit Herbst vergangenen Jahres trifft sich der Berliner Regisseur regelmäßig mit Mädchen und Jungen aus der Bruno-Bürgel-Oberschule, um die Stadt als Bühne zu entdecken.

„Wir sind mit Stühlen durch die Stadt gewandert, um an bestimmten Plätzen zu verweilen, das Geschehen zu beobachten und uns kleine Spielszenen auszudenken“, erzählt der 53-Jährige. Seine Arbeit mit der Theatergruppe ist Teil des interdisziplinären Projekts „Modellfall Weißwasser – Das Masz aller Dinge“. Dafür übernahm Stefan Nolte auch die künstlerische Gesamtleitung.

Den 10- bis 12-jährigen Schülern hat der Regisseur eine aktive Rolle für den Parcours zugedacht, bei dem die Stadt im Juni an mehreren Stationen überraschend anders zu erleben sein wird. Am Volkshaus etwa, das seit 2004 leer steht, soll ein Heilungsprozess in Gang gesetzt werden. „Wir betrachten das Gebäude als Patient, der gepflegt werden muss“, verrät der Regisseur. „Und die Kinder legen als Stimme der Wahrheit den Finger in die Wunde.“

„Wir bespielen den Volkshausgarten, von wo aus Besucher über Rohre ins Gebäude hineinhorchen können“, kündigt Stefan Nolte an. Er freut sich über die Genehmigung der Stadt, das Volkshaus zum Theaterparcours sogar betreten zu dürfen. Bei Führungen an den beiden letzten Juniwochenenden wird dies möglich sein, zumindest bis ins Foyer.

An Zeiten, als die Theater Görlitz und Cottbus regelmäßig mit Aufführungen im Volkshaus gastierten, kann „Modellfall Weißwasser“ nur bedingt anknüpfen. Doch Stefan Nolte liegt daran, zumindest temporär eine neue Form von Stadttheater zu erproben und damit eine Leerstelle zu füllen. „Irgendwo muss das Herz schlagen, denn ein Theater ist auch ein Ort der Begegnung und des Austauschs“, findet der Regisseur. Vier weitere Künstler unterstützen ihn als Leiter verschiedener Werkstätten bei dem Vorhaben, Spuren des Bauhaus-Erbes in Weißwasser zu beleuchten. „Es ist wichtig, Leute auszusuchen, die sich einlassen auf den Ort und nicht nur ihre eigene Kunst machen wollen.“

Teilweise kennt der Modellfall-Leiter seine Kollegen von Projekten in anderen Städten. Schon mehrfach hat er mit dem Bühnenbildner Hendrik Scheel zusammengearbeitet, etwa um in Räumen des Ballhauses Ost in Berlin vorübergehend ein Hotel einzurichten. Die Sängerin Bernadette LaHengst wirkte beim Theaterparcours „Schwarz Wald Straße“ mit, den Stefan Nolte entlang der stark befahrenen Bundesstraße 31 in Freiburg inszenierte. Zuschauer begaben sich dabei auf eine Reise durch Geschichte und Topographie dieser wichtigen Verbindung in Baden-Württemberg.

In Sonsbeck am Niederrhein aufgewachsen, studierte der Freiberufler Regie in Hamburg. Seine erste und bislang einzige feste Stelle führte ihn für zwei Jahre ans Staatsschauspiel nach Dresden. „Ich wollte unbedingt in die neuen Bundesländer, um die Umbrüche Mitte der 1990er-Jahre vor Ort mitzuerleben“, sagt der Vater eines achtjährigen Sohnes. Längst lebt er mit seiner Familie in Berlin. „Es ist die Stadt, in der ich mich am wohlsten fühle.“ Dort unterrichtet er auch als Dozent an der Freien Universität. In Düsseldorf gibt er Seminare zu Theater im öffentlichen Raum.

Den südlichen Teil der Oberlausitz hat Stefan Nolte vor einigen Jahren schon näher kennengelernt, als er das Theaterstück „Tuchfühlung“ in Zittau auf die Bühne brachte. Es rückte das Große Fastentuch auf ungewöhnliche Weise ins Licht und lebte auch davon, dass Einheimische mit ihren Erfahrungen und Erinnerungen in die Inszenierung einbezogen wurden.

Bürgerbeteiligung bei künstlerischen Projekten hat häufig einen nicht zu unterschätzenden Effekt. „Die Leute sehen, dass sie selbst Akteure sein können“, sagt der Regisseur. „Sie können die Stadt mitgestalten und verändern. Im besten Fall geben wir auch Impulse für die weitere Arbeit oder für neue Projekte.“

Die Ideen, die Stefan Nolte und seine Mitstreiter mit Menschen aus der Region für den Stadtparcours im Juni entwickeln, werden unterdessen immer konkreter. So sollen Mitglieder des Vereins „Miteinander“ ein Begrüßungskomitee auf dem Bahnhof bilden. Das sei ein schönes Beispiel für Ankommen in Weißwasser, denn die Russlanddeutschen seien einst selbst fremd in der Stadt gewesen.

In dieser Serie erscheinen bis in den Sommer hinein Beiträge über Akteure, die beim „Modellfall Weißwasser“ mitwirken.
 

Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 25.04.2019


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Aktualisierung:
01.05.2019


 

Frühjahrsputz am Volkshaus in Weißwasser: Der Berliner Regisseur Stefan Nolte hat Anfang April selbst mit angepackt, um Orte für den im Juni geplanten Theaterparcours vorzubereiten.
Foto: R. Ullmann