Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Gesteigerter Glanz
Die, die den großen Glanz ins Dresdner Schloss bringen

Von Birgit Grimm


Mittagspause muss sein. Auch wenn die Zeit drängt und alle Handwerker in den Paraderäumen des Dresdner Schlosses fieberhaft arbeiten. „Am Wochenende haben wir durchgezogen, damit wir pünktlich fertig werden“, sagt Steffen Noack. Der Spiegelmacher aus Weißwasser hat in seiner Firma Spiegelart barock anmutende Spiegel hergestellt und baut sie mit ein. Engster Mitarbeiter ist sein Sohn Christian.

Steffen Noack zeigt Bilder von einer Wand im Westflügel des Schlosses: „In der Mitte ist das Original, an der Seite sind unsere Ergänzungen.“ Auf dem Foto sieht man keinen Unterschied. Den soll auch künftig keiner der Besucher der Beletage sehen. Was bei den Vorhängen, Baldachinen und Wandbespannungen fadengenaue Rekonstruktion genannt wird, müsste in der Spiegelherstellung materialgetreu heißen. Barocke Spiegel wurden mit Quecksilber belegt. Es wird flüssig auf das Glas aufgebracht und verdunstet schon bei Raumtemperatur. Die Dämpfe, die dabei entweichen, sind giftig. Sie verursachen Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindelgefühle.

Moderne Spiegel werden heute mit Silber belegt, das allerdings einen viel höheren Reflexionsgrad hat. Was im Bad, im Fitnessstudio oder Ballettsaal toll wirkt, würde historische Räume aussehen lassen wie die Schmuckabteilung eines Kaufhauses. Dieses Problem wurde von den Denkmalpflegern schon um die Jahrtausendwende bei der Rekonstruktion des Historischen Grünen Gewölbes erkannt.

Damals wurde ein Hersteller gesucht, der barocke Quecksilberspiegel fürs Historische Grüne Gewölbe anfertigt. Die alte Technologie neu zu beleben, schien zu aufwendig, zu teuer, zu gefährlich. Steffen Noack war anderer Meinung. Er hat getüftelt, gerechnet und schließlich den Mut gehabt, in seiner Firma eine Anlage für die Quecksilberbeschichtung einbauen zu lassen, die auch die Anforderungen an den Gesundheitsschutz erfüllt. Ob sich diese Anlage je rentieren würde, wusste er damals nicht.

Parallel dazu entwickelte man am Fraunhofer-Institut FEP in Dresden eine Technologie, mit der Glasoberflächen so beschichtet werden können, dass sie dem barocken Spiegelglanz auch ohne Quecksilber sehr nahekommen. Der Laie sieht keinen Unterschied, und der Fachmann wundert sich. Oder hat schon mal jemand bemerkt, dass im Grünen Gewölbe die Spiegel im Juwelenzimmer anders glänzen als die im Pretiosensaal? Das komplette Juwelenzimmer wurde damals mit Fraunhofer-Spiegeln ausgestattet. Auch jetzt ist das Institut wieder mit von der Partie.

Es lieferte die Spiegel für jene Wandflächen, an denen keine originalen Teile mehr vorhanden sind, wie im Turmzimmer. Kerstin Täschner erinnert sich: „Als ich 2006 nach Optikstudium und Promotion im Fraunhofer in Dresden anfing, war das Historische Grüne Gewölbe gerade eröffnet worden. Ich dachte: So eine schöne Aufgabe! Das hätte ich auch gern gemacht.“ Seit anderthalb Jahren koordiniert sie sämtliche Technologien, die ihre Kollegen für den Kulturerhalt entwickeln – von der Papierrestaurierung bis zur Reinigung kostbarer Seide oder dem Einsatz des „Musekorr-Sensors“, der Kunstwerke auf Reisen begleitet und Alarm gibt, wenn die Bedingungen nicht optimal sind.

„Das quecksilberfreie Dünnschichtsystem wurde mittels Sputtertechnologie 2005 für das Grüne Gewölbe neu entwickelt“, sagt sie. Zunächst analysierten die Wissenschaftler historische Spiegelreste, um der chemischen Zusammensetzung auf die Spur zu kommen und das optimale Glas zu finden. „Heutiges Fensterglas ist viel zu weiß. Fürs Schloss brauchen wir ein Glas mit einem leichten Farbstich“, erklärt Frau Täschner.

Gesputtert wird im Hochvakuum. Dabei werden Ionen auf eine Fläche aus Zinn geschossen. Winzige Metallteilchen werden dabei abgeschieden und reichern sich auf der Glasscheibe an, bis sie eine hauchdünne Schicht bilden. Das geht schnell und ist kostengünstig. „Außerdem können wir mit einer Maske bestimmte Bereiche auf dem Glas frei lassen, sodass sie nachträglich mit Goldradierungen oder Hinterglasmalerei verziert werden können, ohne dass die Künstler Angst um ihre Gesundheit haben müssen“, erklärt sie.

Wenn die Spiegel aus Weißwasser verziert werden, meist mit einem feinen Schliff, dann geschieht das, bevor die Quecksilberschicht aufgebracht wird. Das hat nicht nur Arbeitsschutzgründe. „Der Schleifer muss durchs Glas hindurchschauen können, um den Schleifkörper zu führen“, erklärt Steffen Noack. Stolz zeigen Vater und Sohn ein Teilstück mit den königlichen Initialen AR, Augustus Rex. „Man findet heute kaum noch jemanden, der diesen Schliff in dieser Qualität beherrscht“, sagt Christian Noack. Wer das AR für sie geschliffen hat, verrät er nicht. Geschäftsgeheimnis. „Kein seriöser Handwerker wird sagen, dass er so etwas kann. Er wird sagen, dass er es versuchen wird. So einen Könner zu finden, das fliegt einem nicht zu.“

Wochenlang getüftelt hat Steffen Noack auch daran, wie er seinen Spiegeln diese leicht unebene Anmutung geben kann, die historisches Glas nun einmal hat. Ausschuss, würde man heute sagen, denn eine Scheibe hat gefälligst glatt zu sein. „Im Grünen Gewölbe haben wir die Spiegel damals in Holzrahmen eingebaut. Eine leichte Spannung, die dabei entsteht, erzeugt zarte Verwerfungen und eine unruhige Oberfläche“, erklärt er. Auf den neuen Wänden im zweiten Obergeschoss des Westflügels suchten die Spiegelmacher diese Spannung vergebens. „Das darf doch nicht aussehen, als ob das Glas künstlich verbogen wurde. So etwas würde uns die Denkmalpflege um die Ohren hauen!“, sagt der 56-Jährige.

Wie hat er‘s gemacht? „Wir nehmen spezielles Floatglas und bearbeiten vorm Belegen die Oberfläche, damit sie nicht so aalglatt wirkt, wie sie ist.“ Diesen Arbeitsschritt haben die Männer von Spiegelart auch an den Spiegeln aus dem Fraunhofer FEP ausgeführt, denn auch die besten Wissenschaftler können sich modernes Floatglas nicht bucklig zaubern.

Spannungen, Verwerfungen – kann das nicht leicht kaputtgehen? „Wir mussten noch keinen Spiegel im Grünen Gewölbe ersetzen“, sagt Christian Noack. „Das ist eigentlich schlecht“, sagt der Vater. Schlecht für uns“, sagt der Sohn, und beide lachen. Natürlich haben sie Qualität geliefert, und selbstverständlich werden die Spiegel gut gepflegt. „Beim Reinigen muss man sehr vorsichtig sein, aber das sind ja Fachkräfte im Schloss“, sagt der Sohn. „Geputzt wird jeder hochwertige Spiegel am besten mit Leder oder Papier oder einem feinen Mikrofasertuch. Wir sagen all unseren Kunden: Verwenden Sie nur das billigste Putzmittel, also am besten gar keins.“ Diese Empfehlung gibt auch Frau Täschner.

Für die Firma Spiegelart ist die Arbeit im Dresdner Schloss das Referenzprojekt Nummer eins. Mit Quecksilber belegte Spiegel haben sie inzwischen in diversen Schlössern eingebaut: Moritzburg, Hubertusburg, Schönhausen ... Einer der spannendste Aufträge, die sich nach dem Grünen Gewölbe für die Weißwasseraner ergaben, waren künstlich gealterte Antikspiegel für eine 111 Meter lange Yacht, die in Holland vor Anker lag.

Stolz sind Vater und Sohn zum Beispiel auch auf einen Badspiegelkonfigurator auf der Website ihrer Firma. Damit können sich Kunden, die ihr Bad modernisieren wollen, den für sie passenden Spiegel mit Licht, Facettenschliff und Kosmetikspiegel selbst entwerfen. Spiegelart Weißwasser, 1992 gegründet, hat einen Namen in der Branche. „Zum 70-jährigen Jubiläum der Glasfachschule in Hadamar bei Frankfurt am Main soll Christian einen Vortrag halten über Verspiegelungen“, erzählt der Vater. Der Sohn guckt überrascht: „Du!“ Der Vater: „Nee, ich kann da nicht.“ Der Sohn: „Ich auch nicht, ich muss Spiegel anschrauben.“ Im Moment hat das Dresdner Schloss Vorrang. Aber sonst nehmen Noacks ihre Quecksilberspiegel auch gern zum Anlass, um ihren Kollegen aus dem Westen das Dresdner Schloss und ihre Heimat, die Lausitz, zu zeigen.

Historisierende Spiegel sind weder für Spiegelart noch für das Fraunhofer FEP das Hauptgeschäft. „Es kommen genug Anfragen, sodass man in Übung bleibt“, sagt Steffen Noack. Von der Qualität der Glasmacher vor 300 Jahren ist er fasziniert. „Unglaublich! Im Glasbereich kann man das heute nur noch ganz schwer erreichen“, meint er. In einem Punkt ging es den Handwerken vor 300 Jahren ähnlich wie den Handwerkern heute: Auch sie haben wohl unter großem Zeitdruck gearbeitet, um die Ansprüche Augusts des Starken zu erfüllen. Die Paradestrecke, die er eigens für die Hochzeit seines Sohnes mit der Kaisertochter Maria Josepha entwerfen ließ, waren das Beste und Schönste, was man damals bauen und einrichten konnte. Ihre Siebensachen sollen die Bauleute erst zusammengepackt haben, als sie schon das Getrappel der Pferde hörten, die die Kutsche der Braut in den Schlosshof zogen.


 
Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 20.09.2019


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Aktualisierung:
25.09.2019


 

Der Spiegel, in dem Kerstin Täschner zu sehen ist, wurde in der Hochvakuumanlage, die sich hinter dem Spiegel befindet, beschichtet. Die promovierte Optikerin koordiniert am Dresdner Fraunhofer-Institut FEP sämtliche Technologien, die für den Kulturerhalt entwickelt wurden und werden
Foto: R. Bonß
Auch das Paradeschlafzimmer, hier noch als Computeranimation, ist nun Realität.
© Visualisierung: mic-vis.de, Studio für Visualisier
Steffen (l.) und Christian Noack bauen Spiegel in den Paraderäumen des Dresdner Schlosses ein.
Dieses kunstvoll geschliffene Spiegelstück, das in Weißwasser hergestellt wurde, ist 10 000 Euro wert.
An historischen Fotos orientierten sich auch die Handwerker der Firma Spiegelart Weißwasser.
Fotos: Ch. Juppe