Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Harmonie in Glas
Elvira Rauch über die „Perlen“ des Glasmuseums und über Weißwasser, das ihr längst zur Heimat wurde.

Von Constanze Knappe



So viel Glas auf einmal. 35 Zentimeter im Durchmesser und 56 hoch. Schwer ist die Bodenvase München. Und empfindlich obendrein. Aber das sieht man dem Entwurf von Prof. Wilhelm Wagenfeld aus dem Jahr 1937 gar nicht an. Die Bodenvase Berlin ist etwas gedrungener, aber nicht minder empfindlich. Wenn die überaus robust erscheinenden Teile alle 10 bis 14 Tage abgestaubt werden, ist Vorsicht geboten. „Die Henkel könnten leicht abbrechen“, begründet Elvira Rauch. Die Bodenvasen sind zwei der Lieblingsstücke der Chefin des Glasmuseums Weißwasser. Sie mag die Klarheit der Gestaltung. Überhaupt käme bei Prof. Wagenfeld „alles schön harmonisch“ rüber. In dieser Ansicht ist sie sich eins mit vielen Besuchern.

Ältere fasziniert, dass sie im Glasmuseum alte Stücke sehen können, sozusagen aus der eigenen Vergangenheit. Junge Leute „stürmen sofort ins Wagenfeld-Revier“, hat Elvira Rauch beobachtet. Sie haben meist darüber gelesen. Wer danach googelt, stößt auf das Museum in Weißwasser. Das macht dessen Leiterin schon ein bisschen stolz. Eigentlich, so sagt sie, falle es ihr schwer, Lieblingsstücke zu benennen. Bei der Vielfalt an historischen Gläsern, modernen Schliffen und Gravuren.

Nahe Leipzig geboren, befasste sie sich während ihres vierjährigen Studiums dort „mit dem Gegenteil von Glas“, mit Mineralien und Edelsteinen. 1976 kam die diplomierte Kristallografin in die Lausitz. Als Ingenieurin suchte sie in der Forschung mit anderen danach, wie man die Zusätze zum Tauchen der „superfesten Gläser“ durch DDR-Rohstoffe ersetzen könnte. Bis 1992 arbeitete Elvira Rauch in verschiedenen Glaswerken in Weißwasser. Zuletzt in der „Einheit“, dem damals größten in der Stadt. Technisches Glas wie Kolben für die Beleuchtung wurde dort produziert. Mit der Wende kam der große Einbruch. Die Biografie von Elvira Rauch ähnelt der vieler Glasarbeiter. Einer Umschulung folgte nicht selten die nächste. Sie wurde staatlich geprüfte Betriebswirtin. Mit großen Hoffnungen. Wie bei vielen anderen Menschen in der Region erfüllten auch ihre sich nicht. Durch Zufall landete sie in der Bibliothek, setzte sich nochmals auf die Schulbank, legte eine Prüfung zur Assistentin für Bibliothekswesen ab. Schon damals bewarb sie sich fürs Glasmuseum. Geklappt hat es aber erst Jahre später.

Seit Februar 2008 ist Elvira Rauch Chefin über eine Sammlung mit 17 000 Gläsern und Glaswaren. Wohl noch mal so viele lagern im Depot. Nach drei Berufen ist sie angekommen. Auch wenn oder gerade weil es nur ein kleines Museum ist. Aber das sei, wie sie sagt, „voller Perlen“. Immer wieder kommen Leihanfragen aus anderen Museen oder Fachfragen von Designern. Letztere leitet sie an den Förderverein des Glasmuseums weiter. Ohne diesen würde es nicht funktionieren. Neben inhaltlichen Dingen hilft er auch ganz praktisch, sichert zum Beispiel die Wochenenddienste ab.

Große Museen haben extra Kassiererinnen. In einem so kleinen geht das nicht. Elvira Rauch übernimmt das gern, weil sie – wie auch bei Führungen – direkt mit Besuchern ins Gespräch kommt. Ansonsten hat sie viele Aufgaben, die der Besucher nicht sieht, die aber den Ablauf am Leben halten. Von Verhandlungen mit Ausstellern und Versicherungen über die Gestaltung von Flyern bis zu den tausend Kleinigkeiten, etwa dem Wechseln einer Glühbirne. Ende des Monats ist der Einsatz eines Ein-Euro-Jobbers beendet, dann stehen ihr noch zwei Bundesfreiwilligendienstler zur Seite.

Auf Hochtouren läuft die Vorbereitung der Weihnachtsausstellung. Und schon seit Sommer 2015 bereitet Elvira Rauch gemeinsam mit dem Förderverein eine große Sonderschau für 2018 vor. Um 100 Jahre Arsall-Glas geht es da. Dahinter verbirgt sich eine spezielle Ätztechnik, die aus dem Elsass herüberschwappte. Grundglas wird farbig überschmolzen, was später an Muster stehen bleiben soll, wird abgedeckt, das andere weggeätzt – ähnlich der Verzierung sorbischer Ostereier. An die 100 Angebote aus Privathand hat Elvira Rauch für die Schau. Darunter eins aus der Schweiz zu einer Arsall-Vase in außergewöhnlicher Form. Leihgaben aus dem Stadtmuseum Cottbus sind ebenfalls geplant.

Gar nicht so selten bekommt das Glasmuseum Weißwasser Angebote. „Die Menschen wollen, dass ihre Glasteile in die Heimat zurückkehren, wo sie von vielen Menschen geschätzt werden und nicht im Schrank eines privaten Sammlers untergehen“, erzählt die Museumsleiterin. Allerdings seien die finanziellen Möglichkeiten begrenzt. Deshalb sammelt der Förderverein Spenden für Neuanschaffungen.

Längst ist Elvira Rauch in Weißwasser zu Hause. Sie verweist auf Freunde und Familie, erzählt von Teichen und Wäldern. Die haben sie begeistert, als sie vor 40 Jahren aus der Großstadt herkam – und tun es heute noch. Die Kinder sind längst aus dem Haus, Sohn und Tochter zogen der Arbeit hinterher. Zwei Enkeltöchter hat Elvira Rauch. Entspannen kann sie am besten im Garten. Oder beim Lesen in Fachzeitschriften. Denn auch in ihrer Freizeit könne sie nicht vom Glase lassen. Wenn sie verreist, bringt sie von überall Anregungen mit. Aus dem Glasreich in Smaland (Schweden) zum Beispiel oder aus dem Glasmuseum in Dänemark, dessen Name witzigerweise in Deutsch dran steht. Wie den Studioofen dort hätte auch sie gerne einen hier im Garten der Museumsvilla. „Wir brauchen dringend eine Möglichkeit, um die Glasherstellung vorführen zu können“, so Elvira Rauch. Glasschleifen oder -malen, das werde gut angenommen. „Aber selber eine Glaskugel formen, das wär‘s“, erklärt sie. Sie spricht vom Umzug in größere Räume in die Telux. Es sei ein Traum, sagt sie und gerät beim Gedanken daran ein bisschen ins Schwärmen. Elvira Rauch weiß aber auch, dass die Stadt Weißwasser alleine dieses Vorhaben nicht stemmen könnte.

 

Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 25.11.2017


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail:
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Aktualisierung:
25.11.2017


 

Die Bodenvase Berlin von Prof. Wilhelm Wagenfeld ist einer der Hingucker in der Museumssammlung in Weißwasser – und ein Lieblingsstück von Elvira Rauch. Die Begeisterung dafür teilt sie mit vielen Besuchern. Auch mit vielen jungen Leuten, wie sie verblüfft festgestellt hat.

Diese Vasen in Arsall-Manier geben einen Vorgeschmack auf die große Sonderschau 2018, die sich dem Aufkommen dieser Ätztechnik vor 100 Jahren widmet.
Fotos: J. Rehle