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Der Mann für Raum und Dinge
Hendrik Scheel ist Bühnenbildner. Für den Modellfall Weißwasser reist er regelmäßig aus Berlin an.

Von Anett Böttger
 


 
Glaskolben in fünf Reihen vor einem Spiegel, akkurat nebeneinander aufgestellt, mit der schmalen Öffnung nach unten stehend: das Schaufenster des Maszladens in Weißwasser ist ungewohnt originell dekoriert. In der Dunkelheit reflektiert die auffällig klare Formation zusätzlich das Licht einer kleinen Lampe.

Hendrik Scheel hat die 55 Gläser wirkungsvoll in Szene gesetzt. Die zerbrechlichen Stücke stammen aus der Telux und sind Zeugnisse aus einer Zeit, in der das Werk in Weißwasser noch produzierte. Der Bühnenbildner aus Berlin verwendet gern Dinge, die an die Geschichte der Stadt erinnern, um den Kommunikationsort am Marktplatz passend auszustatten. Schließlich ist der Maszladen Treffpunkt für alle Akteure, die am interdisziplinären Projekt „Modellfall Weißwasser“ bereits mitwirken oder sich beteiligen wollen.

„Es ist ungewöhnlich, in einer solchen Stadt ein Kunstprojekt zu veranstalten“, findet der gebürtige Lübecker. Beim „Modellfall“ leitet er die Werkstatt für Räume und Dinge. Im Vergleich zu Weißwasser war nur Peenemünde ein noch kleinerer Ort, an dem er bisher künstlerisch gearbeitet hat. Für das Theaterstück „Der Gralsucher“ auf dem Gelände der früheren Heeresversuchsanstalt besorgte er die Ausstattung. „Es galt, die monströse Kraftwerkshalle in eine Bühne zu verwandeln“, erzählt der Mann, der seine Haare oft zusammengebunden zum Zopf trägt.

Der 46-Jährige wuchs in Schleswig-Holstein direkt an der Grenze zur ehemaligen DDR auf. Schon in der Kindheit wurde sein Interesse für die Bühne geweckt. „Meine Eltern sind mit mir oft ins Theater gegangen“, sagt er. Bewusst entschied er sich später für ein Studium in Ostdeutschland: an der Hochschule für bildende Künste in Dresden ließ er sich zum Bühnen- und Kostümbildner ausbilden.

Ganz klassisch begann Hendrik Scheel seine Karriere am Theater, indem er Kulissen am Staatsschauspiel in Dresden entwarf. Seit 2001 hat der Freiberufler seinen Lebensmittelpunkt in Berlin. Arbeiten zur Ausstattung von Theatern und Räumen führten ihn an verschiedene Orte, unter anderem nach Hamburg, München, Stuttgart, Halle, Graz, Toronto und Oslo.

„Mich reizt die Umwandlung völlig anderer Räume als Theater“, sagt der Künstler. Dazu hatte er immer wieder Gelegenheit, etwa 2018 bei einem Festivalprojekt in Düsseldorf. Unter dem Motto „Wenn die Häuser Trauer tragen“ gestaltete er mit anderen Künstlern einen Abschiedsparcours im Wilhelm-Marx-Haus. Der Weg führte durch Räume in Europas erstem Bürohochhaus, das in Stahlskelett-Bauweise errichtet wurde. Der rote Ziegelbau, bis dahin in städtischer Hand und öffentlich genutzt, stand damals vor einem Eigentümerwechsel. „Wir bewegen uns oft im gesellschaftlichen Spannungsfeld“, sagt Scheel über Anlässe von Kunstprojekten.

Für „Hotel Berlin“ durfte der Bühnenbildner Räume des Ballhauses Ost im Stadtbezirk Prenzlauer Berg einrichten. Die Spielstätte für freies Theater wurde dabei „zweckentfremdet“, als vorübergehend 75 Schlafplätze in den 6 Etagen des Hauses entstanden. „Eine großartige Aufgabe“, gesteht der Ausstatter rückblickend.

In Berlin hat Scheel mehrfach auch mit Kindern gearbeitet, etwa bei „Camping Marianne“ in Kreuzberg, wo ein Schulhof zum Zeltplatz wurde. Nun hat der Künstler versucht, das kreative Potenzial junger Menschen in Weißwasser zu wecken. In der ersten Woche der Winterferien leitete er zusammen mit Sabine Gutjahr die Malwerkstatt in der Station Junger Naturforscher und Techniker - mit dem Ziel, einen Blick in die Zukunft der Stadt zu werfen.

Genau darum geht es bei „Modellfall Weißwasser“. „Die Stadt ist voller Brüche und bietet zahlreiche Reibungsflächen“, urteilt Scheel. „Viele Dinge haben Funktion und Gebrauch verloren, für die sie ursprünglich gedacht waren.“ Daher stelle sich die Frage, was die Menschen künftig damit anfangen sollen.

Der Künstler ist vom Neufertbau ausgesprochen fasziniert. Die Bedeutung des Gebäudes sei nicht sofort erkennbar. „Doch auf den dritten Blick ist es sehr besonders“, sagt Scheel. Bei minimalen Materialeinsatz sei das Glaslager einst „sehr schlau gebaut“ worden. Er schwärmt von Schönheit und Klarheit der Konstruktion, die aus exakt 2988 gleichförmigen Quadern bestehe, wie er ausgerechnet hat.

Für „Modellfall Weißwasser“ sucht der Werkstattleiter „Leute, die gern basteln, nähen oder malen“. Heimwerker und Kleingärtner sind ihm sehr willkommen, denn „wir wollen auf der Schnitterbrache eine Laube bauen“. Sie soll Bestandteil des Parcours sein, der an zwei Wochenenden im Juni verschiedene Orte der Stadt verbinden wird.

Fantasie sei zweifellos gefragt, um Räume miteinander in Szene zu setzen. „Das Ergebnis kann durchaus etwas Halbfertiges oder ein Modell sein“, glaubt Hendrik Scheel. Derweil denkt er über neue Varianten zur Schaufenstergestaltung nach.

In dieser Serie erscheinen bis in den Sommer hinein Beiträge über Akteure, die beim „Modellfall Weißwasser“ mitwirken.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 27.02.2019


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Aktualisierung:
28.02.2019


 

Für das Projekt „Modellfall Weißwasser“ ist der Maszladen am Markt zum zentralen Treffpunkt und zur Ideenschmiede geworden. Der Bühnenbildner Hendrik Scheel gestaltet das Schaufenster immer wieder neu.
Foto: J. Rehle