Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Ausdruck mit dem eigenen Körper
„Ich habe totalen Spaß an Bewegung“, gesteht der Tänzer Jochen Roller. In Weißwasser möchte er andere mitreißen.

VON ANETT BÖTTGER
 



Sechs Tänzerinnen und Tänzer, ganz in Rot und mit kurzen Röcken bekleidet, bewegen sich in schöner Synchronität über die Bühne. Wippenden Schrittes setzen sie einen Fuß vor den anderen, zu modernen Klängen im Samba-Rhythmus. An einen Lausitzer Schlängelreigen erinnert das eher wenig, wäre da nicht die ausladende Kopfbedeckung, die jeder trägt. Sie ähnelt der breiten Haube, wie sie – aus dem Spreewald gut bekannt – zur sorbischen Tracht in der Niederlausitz gehört.

Der Auftritt wirkt faszinierend und sonderbar zugleich, festgehalten in einem Video, das die Inszenierung „Trachtenbummler“ von Jochen Roller dokumentiert. Der Berliner Choreograf hatte für das Stück acht Volkstänze aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands neu interpretiert. Dabei näherte er sich 2013 schon der Lausitz auf ungewöhnliche Weise, ohne wohl zu wissen, dass er dort einmal künstlerisch präsent sein wird. Der 47-Jährige leitet in diesem Jahr die Werkstatt für Bewegung und Tanz innerhalb des Projektes „Modellfall Weißwasser – Das Masz aller Dinge“.

„Trachtenbummler“ zeigte traditionelle Tanzkultur zeitgenössisch aufbereitet. „Heimisches Brauchtum taugt zur Konstruktion von Exotik“, glaubt Roller. Er tanzte seinerzeit selbst mit, als er die neuen Arrangements deutscher Folklore mit Kollegen aus Tonga, Brasilien, Marokko, Sri Lanka und Singapur aufführte. Zu sehen war das Stück in den „Sophiensaelen“, einer Spielstätte für frei produzierte Theater- und Tanzprojekte in Berlin.

Getanzt hat Jochen Roller schon in frühester Kindheit. Mit vier Jahren ging er an eine Ballettschule, entschied sich jedoch als Jugendlicher gegen die klassische Ausbildung. „Ich wollte mehr von der Welt sehen“, erinnert sich der Mann, der in Westberlin aufwuchs, komplett umzingelt von der Mauer. Diese fiel just an dem Tag, als er seinen 18. Geburtstag feierte.

Später studierte er Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Schon dort habe er viel ausprobiert, „was man mit Theater alles machen kann“, berichtet der Tänzer, der auch als Dozent arbeitet. Bis auf eine Ausnahme arbeitete er stets frei. Lediglich für vier Jahre hatte er eine halbe Stelle als Kurator bei Kampnagel in Hamburg, einem Produktionshaus für zeitgenössische darstellende Kunst.

In Gießen sei die Methode entstanden, die er bis heute benutze, um Geschichten zu erzählen. „Wichtig ist, die richtige Form für den Inhalt zu finden“, erklärt der Künstler. Genau darin zeigt sich eine Parallele zum Bauhausgedanken. „Form folgt Funktion“ war das Leitmotiv der berühmten Kunstschule. Sie hinterließ sogar in Weißwasser Spuren, denen die Leiter von fünf Werkstätten beim „Modellfall“ nun mit vielen Akteuren vor Ort nachgehen wollen.

Jochen Roller liegt sehr daran, immer wieder neue Kunstformen mit anderen Leuten zu erfinden. Insofern erscheint ihm das Projekt in Weißwasser äußerst spannend. „Wir dürfen ein Fest für die Stadt ausrichten“, freut sich der aufgeschlossen und ausgesprochen fröhlich wirkende Tänzer. „Die Probleme vor Ort können wir freilich nicht lösen. Vielmehr geht es darum, andere Perspektiven auf die Stadt und ihre Menschen im Moment zu entwickeln.“

Unterdessen hat der Choreograf Kontakte zum Tanzsportclub Kristall in Weißwasser geknüpft, um mit den Crystal Eagels Linedancers einen Auftritt zum Parcours im Juni vorzubereiten. Dieser soll an zwei Wochenenden durch die Stadt führen. Wie das genau aussehen soll - dafür gibt es erste Ideen, an denen weiter gemeinsam gefeilt wird.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 27.03.2019


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Aktualisierung:
27.03.2019


 

Jochen Roller ist viel in Deutschland und der Welt herumgekommen. Nun nimmt der in Berlin lebende Choreograf Weißwasser ins Visier: beim Projekt „Modellfall“.
Foto: J. Rehle