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Vorbehalte gegen Tourismus-Highlight
Die Stadt Weißwasser unterstützt die Forschungen zum Neufert-Bau, zahlt aber keinen Cent. Einige Räte sind skeptisch.

Von Thomas Staudt


Das Dach durchlöchert, die Fenster ausgeschlagen, Wildwuchs macht sich in den Dachrinnen breit. Ein Schmuckstück ist der Neufert-Bau nicht. Noch nicht. Das soll sich nun ändern. Das Gebäude mit dem Shabby-Chick soll Touristen nach Weißwasser locken. Helfen soll dabei das Institut für Neue Industriekultur Inik (Cottbus/Wroclaw). Bis Mai 2019 begleiten die Cottbuser zu einem Festbetrag von 46000 Euro das vom Bund geförderte Forschungsprojekt „Baukultur und Tourismus“. Die Stadtkasse wird dadurch laut Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) – er gehört zu den Förderern des Projekts – nicht belastet. Der Auftrag sei voll über Fördermittel abgedeckt, erklärte er. Allerdings unterstützen der 2014 gegründete Förderverein zur Rettung des Gebäudes und die Stadtverwaltung das Projekt durch Sach- und Dienstleistungen im Gegenwert von 14000 Euro. So wird die Stadt Räume für Beratungen und Veranstaltungen zur Verfügung stellen. So weit, so gut.

Für den Stadtrat und ehemaligen Finanzbürgermeister Ronald Krause (SPD) ging die Rechnung nicht ganz auf. In der Sitzung am Mittwoch bemängelte er eine Finanzlücke von rund 1300 Euro. Eine Stegreiflösung ergab sich in der Sitzung nicht. Hier wird die Verwaltung nachbessern müssen.

Federführend ist das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB). Im Forschungsfeld Experimenteller Wohnungs- und Städtebau (ExWoSt) startete das Ministerium das Projekt „Baukultur und Tourismus – Kooperation in der Region“. Tatsächlich ist die regionale Vernetzung des Projekts und damit die Zahl der assoziierten Partner groß. Der Stadtverein gehört ebenso dazu wie die Waldeisenbahn, die Unesco-Stätten Geopark Muskauer Faltenbogen und Fürst-Pückler-Park Bad Muskau sowie die Stiftung Haus Schminke. Dazu kommen die Architektenkammer, die Touristische Gebietsgemeinschaft Neißeland, die Marketinggesellschaft Oberlausitz (MGO) und weitere Partner auf polnischer Seite.

Projektziel ist die Entwicklung von Grundlagen für eine Förderung historischer und moderner Architektur zur dauerhaften touristischen Vermarktung. Das klingt beim ersten Hören durchaus gewöhnungsbedürftig. Wer an die Welle der Sympathie und öffentlichen Aufmerksamkeit anlässlich der Eröffnung der jeden Kostenrahmen sprengenden Hamburger Elbphilharmonie denkt, kann sich vorstellen, welchen Stellenwert ein architektonisches Schmuckstückchen einzunehmen imstande ist und welch kaufkräftiges Klientel auf diese Weise angesprochen werden kann.

Erste Schritte dazu sind in der Lausitz bereits unternommen worden. Das Projekt „Topographie der Bauten der Moderne, kurz: Topomomo, vernetzt Orte der Klassischen Moderne im deutsch-tschechischen Grenzraum. Eine Ausweitung nach Polen ist in Planung. Ausgangspunkt ist die von Hans Scharoun 1930 für den Nudelfabrikanten Schminke in Löbau errichtete Villa. Der Architekt prägte später die Pläne für das Berliner Kulturforum und entwarf auch die Berliner Philharmonie.

Weißwasser verfügt keineswegs über ein auch nur annähernd vergleichbares architektonisches Kleinod. Doch darf sich die Stadt mit einem großen Namen schmücken: Ernst Neufert. Er ist nicht nur der Architekt des Lagergebäudes der ehemaligen Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) mitten in der Stadt, dem Neufert-Bau. Er steht vor allem in der Bauhaustradition und in Verbindung mit vielen Stararchitekten und Künstlern der Klassischen Moderne, wie Frank Lloyd Wright, Walter Gropius oder Wassily Kandinsky. Gute Anknüpfungspunkte für den Kulturtourismus.

Noch präsentiert sich der Neufert-Bau stark ruinös. Auch deshalb ist die Skepsis in Weißwasser allgemein. Der Beschluss vom Mittwoch etwa wurde mit fünf Enthaltungen gefasst. Mit offenen Armen werden die Inik-Mitarbeiter nicht von allen in der Stadt empfangen. Sie werden als Erstes Überzeugungsarbeit leisten müssen. Aber auch das ist Bestandteil des Projekts: Die regionale Baukultur zu thematisieren, erkennbar und erfahrbar zu machen sowie im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 27.04.2017


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Aktualisierung:
03.05.2017


 

Kein Schmuckstück, aber architekturgeschichtlich eine Landmarke modernen Bauens: Der Neufert-Bau zwischen der Bahnlinie und dem Polizeirevier Weißwasser polarisiert. Dass das ruinöse Bauwerk künftig Touristen in die Stadt ziehet, trauen ihm nicht jeder zu.
Foto: J. Rehle