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Einblicke in die Welt der Glasarbeiter von Weißwasser
Manfred Schäfer veröffentlicht zweiten Band Arbeiter-Biografien / Fülle von Fotos und Dokumenten


Von
DANIEL PREIKSCHAT



Manfred Schäfer baut mit seinem zweiten Band mit Erwerbstätigen-Biografien weiter am Denkmal für die Glasarbeiter von Weißwasser. Der ehemalige Werkleiter stellt diesmal seine ehemaligen Kollegen Gottfried Bär, Frank Große, Hannelore Kaiser, Sieghard Kaiser, Horst May, Gertraud Prokop, Herbert Rühle, Kurt Schwarz und Heinz Thiele vor. Ihre Porträts sollen zeigen, was der Titel ankündigt: "Die Menschen haben das Glas geformt und das Glas die Menschen".

Wie schon im ersten Band erweist sich das Aufgeschriebene nicht nur als interessant für die ehemaligen Glasarbeiter selbst. Auch wenn der Autor einen recht sperrigen Schreibstil pflegt und immer nur Stichwort-Aneinandereihungen bietet, wird der Leser doch hineingezogen in die Welt der Glasarbeiter mit ihren "operativen Arbeitskräftelenkern", "Kesselwärtern" und "Aufblastechnologen". Wozu die Fülle an Fotos und abfotografierten Original-Dokumenten einen wesentlichen Teil beiträgt.

Die Schichtbucheinträge von Schichtleiter und Brigadier-Stellvertreter Herbert Ruhle etwa lesen sich wie Notrufe aus dem Arbeitsalltag damals: "Wenn im ganzen Betrieb weder Holzpaletten, Schlosser und Maschinentechnologen zu finden sind, ein Kollege stark angetrunken zur Schicht erscheint und ein kubanischer Gastarbeiter Anweisungen des Schichtleiters nicht nachkommt." Der "Qualifikationsnachweis" von Ruhle mit Lenin-Zitat zur sozialistischen Arbeitsproduktivität verströmt Zeitgeist-Aura. Ebenso aber auch die aus heutiger Sicht fast rührend nostalgisch wirkende Episode über die Busfahrt zum Kraftwerk Boxberg. Nur ein paar DDR-Pfennige hat sie gekostet. Und wenn im Bus ein Platz leer blieb, dann stimmte der Fahrer ein "Hupkonzert" vor der Wohnung des noch im Bett Liegenden an.

Erheiternd sind auch die Beschreibungen ihrer Marotten. So weiß Schäfer von Herbert Rühle, dass er zu Hause kleine Geldverstecke angelegt hat, um Frau oder Kindern mal etwas Gutes zu tun. Noch ein Viertel-Jahrhundert nach dem Ende der DDR finde er in Dosen und Büchern immer wieder DDR-Geldscheine.

Im Fokus jedoch liegt für Schäfer die auch rückblickend noch bewundernswerte Tüchtigkeit der Glasarbeiter. Er würdigt die Zuverlässigkeit von Fließband-Abteilungsleiterin Hannelore Kaiser, ausgezeichnet mit dem Banner der Arbeit Stufe II. Die Auszeichnung, von der kaum ein im Westen sozialisierter Mensch gehört haben dürfte, finden sich abfotografiert im Heft wieder. Ausgezeichnet wurde auch der "ganz famose Krugmacher" Sieghard Kaiser, nämlich als "Hervorragender Mundglasmacher der DDR". Eine Serie mit Arbeitsfotos von Kaiser illustriert das.

Wie es aussah in den längst abgerissenen Fabrikgebäuden in Weißwasser zeigt auch das Horst-May-Kapitel. Man sieht den Siebdruck-Bereichsleiter bei der Besprechung im Meisterbüro oder bei der Qualitätskontrolle am Fließband. Aber eben auch beim Kinderferienlager 1976 in Thale, wo er beim Zeltaufbau mit anpackt. Außerhalb der Fabriken und Büros ging eben nicht jeder einfach seines Wegs. Die Glasarbeiter fühlten sich auch noch außerhalb der Werktore und Bürotüren verbunden, ob bei Brigadefeiern und –ausflügen oder bei der Kleintier- und Produktenschau in Reichwalde, auf der Kelchmacher Kurt Schwarz seine Orloff-Hennen zeigte.

Diese Verbundenheit hält noch heute an. Das beweist allein der Umstand, dass es dieses Heft überhaupt gibt. Denn die Informationen, Fotos und Auszeichnungen hat Schäfer von den Porträtierten selbst anvertraut bekommen. Im Fall der 94-jährigen Verkäuferin Gertraud Prokop suchte der Autor dazu ein Altenheim in Bad Muskau auf.

Von den Vorgestellten besonders nahe steht Schäfer offenbar Gerhard Thiele. Denn im letzten Drittel des Heftes druckt er über 120 Glückwunschkarten des Designers farbig ab. Fein gezeichnete Szenen, die oft kleine Schwächen oder Vorlieben der Jubilare liebevoll behandeln. Das mag man allzu privat finden, und richtig ist sicher, dass 20 Kartenabdrucke auch gereicht hätten. Doch zeugt auch dies von der Verbundenheit der Glasarbeiter untereinander und rührt den Leser.

Manfred Schäfer teilt eingangs des Heftes mit, er habe "derzeit 81 Telefon-Nummern notiert, mit deren Inhabern ich auf irgendeine Art und Weise, in irgendeiner Form in Verbindung stehe." Da dem so ist, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis ein dritter Biografie-Band vorliegt.

Das 114-seitige Heft, herausgegeben vom Förderverein Glasmuseum, ist im Glasmuseum erhältlich.

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 27.10.2014


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail: info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 15.09.2014


 

Manfred Schäfer stellte sein neues Buch kürzlich im Glasmuseum vor.
Foto: jor1