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Glühen, drehen, blasen – bis der Ofen platzt
Vater und Sohn betreiben bei Novy Bor eine Glashütte. Am besten verkaufen sich mittelalterliche Gläser mit Noppen.

Von Katja Zimmermann


Es zischt und raucht. Die Wangen von Jakub Haidl wölben sich, als er in die Glasmacherpfeife bläst. Die dreht der 28-Jährige geschickt in seinen Händen. Die Spitze dieses langen Stabes mit dem Glasklumpen hat er während des ständigen Drehens und Blasens in einer Holzform versenkt. Die hält sein Vater, Jiøí Haidl, zwischen seinen Füßen. Der 52-Jährige sitzt dabei auf einer Art Fußbank. Das Vater-Sohn-Gespann will gerade einen Trinkbecher herstellen, wie er im 14. Jahrhundert benutzt wurde. Das Typische damals: Besteck war noch unbekannt. Gegessen wurde mit den Fingern – vor Fett triefendes Fleisch war in den höheren Kreisen ein beliebtes Gericht. Damit das Luxusobjekt Trinkglas nicht bei jedem Gebrauch zerscherbelte, war es auf die fettigen Finger abgestimmt – mit vielen kleinen Glasnoppen.

Die Anfänge der Glasmacherei in den Lausitzer Bergen gehen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Noch heute spielt in der Region um Nový Bor (Haida) dieser Industriezweig eine große Rolle. Man spricht von etwa 20 kleinen, selbstständigen Glasfirmen. Eine davon sind „Haidl und Sohn“ in Svojkov, vielleicht fünf Autominuten von Nový Bor entfernt. Das mittelalterliche Geschirr ist die Spezialität der beiden: Trinkgläser wie aus dem frühen Mittelalter bis aus dem Barockzeitalter entstehen unter ihren geschickten Händen.

Haidl und sein Sohn sind zwar nicht die einzigen in der Region, die diese Repliken herstellen. Nach eigener Aussage ist ihre Handfertigkeit, die sie in vielen Jahren Übung erworben haben, bei den Kunden aber sehr beliebt. Bei dieser besonders guten Qualität würde die Kundschaft auch gern etwas mehr bezahlen. So wird der gerade entstehende Pokal später umgerechnet etwa 60 Euro kosten. Je nach Auftragslage gehören die beiden mit ihrem Monatsverdienst von 20000 bis 30000 Kronen (etwa 780 bis 1200 Euro) schon zu den Besserverdienern. Sie kommen teilweise über den tschechischen Durchschnittsverdienst von umgerechnet etwa 1000 Euro – wobei eine tschechische Verkäuferin mit nur etwa 500 Euro nach Hause geht.

Bei 1200 Grad entsteht das Glas

Im Haidl-Ofen herrschen etwa 1200 Grad. Bestückt haben ihn die beiden schon gegen Mitternacht: mit 30 bis 40 Kilo Glas – zum Teil mit sauberem Abfall des Vortags wie abgezwickten Glasfäden und zum Teil mit neuem Glasgemenge, einem Mix aus beispielsweise Soda, Pottasche und Quarzsand. Wenn die beiden gegen 8 Uhr ihr Tagwerk beginnen, hat das Glas die richtige Temperatur. Der gerade geblasene, keulenförmige Pokal an seinem Stab, für ein paar Minuten in den Ofen gelegt, ist jetzt heiß genug. Jiøí Haidl legt ihn auf der Werkbank auf. Sein Sohn nähert sich mit einem anderen Stab, an dem ein Stück gelb glühende Glasschmelze klebt. Geschickt drückt sein Vater mit der Pinzette sekundenschnell ein vielleicht erbsengroßes Stück auf den Pokal und schneidet es bei einem halben Zentimeter Höhe ab. Dreht den Stab vielleicht fünf Zentimeter weiter und zaubert den nächsten Glasnoppen auf den Pokal. Nach wenigen Sekunden ist eine Reihe Noppen um das Glas entstanden. Von Jakub Haidls Glasmasse-Stab ragen futuristische Glasfäden nach allen Seiten. Geschickt zwickt der sie ab. Klirrend fällt die erkaltete Masse in den bereitstehenden Blecheimer. Sowohl der Pokal als auch der Stab mit der Deko-Masse müssen nun wieder im Ofen erwärmt werden, bevor die Glasfachleute den nächsten Ring aus Noppen anbringen können.

Wie die Gläser im Mittelalter genau aussahen und gefertigt wurden, haben sich die beiden Glasbläser angelesen oder auch anhand von Originalen selbst herausgefunden. Gläser waren früher immer grünlich oder bräunlich verfärbt, je nachdem, wo der verwendete Quarzsand her stammte. Damals hatten die Gläser auch eingeschlossene Luftbläschen oder Sandkörner. Diese Eigenschaften mittelalterlichen Glases vermeiden die Haidls aber, denn die Kunden heute würden sowas kaum kaufen.

Den Betrieb hatte Jiøí Haidl kurz nach der politischen Wende gegründet – wie so viele in der Region, als sie „die neue Freiheit“ spürten – in einer Garage in Nový Bor. Jiøí Haidls Sohn besuchte dieselbe Industrieschule in Nový Bor wie sein Vater, entschied sich in seiner Ausbildung sogar für dasselbe Fach: Hüttenglasbearbeitung. 2008 eröffneten Vater und Sohn ihre neue kleine Glashütte in Svojkov. Um einen Kredit dafür zu bekommen, war die Auflage, dass die Wohnfläche größer sein muss als die Werkstatt. Die riesige Wohnung nebenan, so sind sich die zwei einig, brauchen sie eigentlich nicht. „Wir sind schon erfolgreicher, als die einzige Glashütte, die es in Svojkov schon mal gab“, sag Jiøí Haidl schmunzelnd. Diese andere, irgendwann im 19. Jahrhundert, hatte nämlich nur ein Jahr lang überlebt.

Ein besonders guter Absatzmarkt sind die skandinavischen Länder, vor allem Schweden. „Dort hat fast jedes Museum von uns Gläser ausgestellt“, sagen die Haidls. Die Noppenbecher sind natürlich nicht die einzigen Produkte der Glasbläserei. Beliebt ist auch das Dekor „Krautstrunk“, bei dem kleine Glasperlen auf den Gläsern platt gedrückt werden. Seit November/Dezember 2012 produzieren die beiden nun auch „Lutherbecher“, die durch eine Holzform gleich mit Struktur geblasen werden. Jiøí Haidls Schwester und ihr Mann unterstützen die beiden als Zweitjob, indem sie die Gläser verkaufen. Vor allem auf Mittelaltermärkten, wie über Weihnachten in Gera oder zum Zittauer „Spektakulum“ im Salzhaus.

Als Jiøí Haidl den glühenden Stiel eines Glases gegen eine Spachtel dreht, tanzen kleine Flämmchen. Das liegt daran, dass das Werkzeug aus Holz und die Glasmasse etwa 1000 Grad heiß ist. Die fertigen Gläser werden in einem speziellen Ofen vier bis fünf Stunden abgekühlt. Wann die beiden mal Urlaub machen, darauf haben sie keinen Einfluss – sie warten, bis der Keramiktiegel im Ofen platzt und, bis ein neuer da ist, die Produktion für etwa zehn Tage unterbricht. Das passiert in einem Abstand von einem halben bis einem Jahr und dann auch relativ plötzlich.

www.haidl-syn.cz historical@glassreplica.com

Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 28.01.2013


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Aktualisierung: 02.01.2013


 

Jiri Haidl (rechts) und sein Sohn Jakub sind Glasmacher. Gerade bringen sie in ihrer Werkstatt Knuppel aus heißem Glas auf die spätere Vase auf. Das kleine Bild links zeigt die Noppenvariante für Gläser, wie sie im Mittelalter typisch war. Es entstehen aber auch glatte Kannen nach alter Tradition. Fotos: St. Scholz