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Gelsdorfhütte wird Zentrum eines Campus’
Mit dem Kauf des Geländes schafft Weißwasser Voraussetzungen für Strukturentwicklung. Der Investor steht bereit.

Von Constanze Knappe


Ein Forschungs- und Entwicklungs-Campus soll rund um die Gelsdorfhütte zwischen der Forster und der Jahnstraße in Weißwasser entstehen. Auch wenn in der Videokonferenz des Stadtrats am Mittwoch nur wenig Details bekannt wurden, war ein Hauch von Zukunft zu verspüren. Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) jedenfalls sprach von einer „Riesenchance“. Eine Woche zuvor hatte er beim „Treffpunkt Wirtschaft“ konstatiert, dass dort, wo Hochschulen angesiedelt sind, Entwicklung stattfindet und dass dies im Görlitzer Nordkreis bislang eben nicht der Fall sei. Da wäre solch ein Campus mit Forschung und Bildung genau das, was die noch immer schrumpfende Stadt Weißwasser so dringend braucht, um eine Perspektive zu haben. Als Kernstück des Campus’ soll das, was von der Gelsdorfhütte übrigblieb, als Denkmal erhalten werden – zur Erinnerung an den Beginn der Glasindustrie in Weißwasser. Ähnlich seien bereits in anderen Städten Ruinen gesichert worden.

Brache ist ein Schandfleck

Eine grundlegende Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Stadt Weißwasser erst einmal Eigentümer der Flächen wird. Bei der Gegenstimme von Roberto Kuhnert (AfD) und vier Enthaltungen der AfD-Fraktion beschloss der Stadtrat den Erwerb mehrerer Liegenschaften mit einer Gesamtgröße von 79.002 Quadratmetern. Dabei handelt es sich um Restflächen der seit 1995 in Liquidation befindlichen Lausitzer Glaswerke GmbH aus dem abgeschlossenen Insolvenzverfahren. Das betrifft hauptsächlich den Bereich der Gelsdorfhütte. „Die Brache am Bahnhof stellt seit mehr als 25 Jahren einen großen städtebaulichen Missstand dar“, betonte der OB. Zumal es dort wiederholt zu Brandstiftungen kam. Inbegriffen sind aber beispielsweise auch das alte Gaswerk am Gablenzer Weg und eine Kleingartenanlage in der Mühlenstraße.

Für einen Weißwasseraner sei es unstrittig, dass an der Gelsdorfhütte und auf den Nachbargrundstücken etwas passieren müsse, warf Ronald Krause (SPD) ein. In dem Paket seien mit der inzwischen abgedeckten Mülldeponie und dem ehemaligen Gaswerk Grundstücke, die „keinen Sinn für die städtische Entwicklung machen“. Nicht umsonst stünde in den Kommunalgesetzen, dass die Stadt nur Flächen kaufen darf, die der Entwicklung dienen. Zudem sei der Altlastenverdacht dort riesengroß.

Der Haken ist, wie es der OB bezeichnete, dass die Flächen nur im Gesamtpaket zu haben sind. Seit Jahren hatte sich die Stadt um einen Erwerb bemüht, jedoch ohne Erfolg. „Die Forderungen der Gesellschafter waren jenseits von Gut und Böse“, begründete Pötzsch. Nachdem einer der Gesellschafter verstorben war, nahm man erneut Kontakt auf. Für höchstens 50.000 Euro sollen die Liegenschaften nun zu haben sein. Seit zwei Jahren sei man mit den Banken dran; mit dem jetzt gefassten Stadtratsbeschluss könne konkret verhandelt werden.

Wegweisender Beschluss

Ronald Krause (SPD) verwies auf „Forderungen in fünf- oder sechsstelliger Höhe, die die Stadt noch gegenüber den Eigentümern hat“. Diese eingeschlossen, ergebe sich ein ganz anderer Gesamtpreis. Grundsätzlich hält er den Beschluss für wegweisend. „Es wäre aber dennoch wichtig, alles einzubeziehen, was damit zusammenhängt“, sagte er. Nach Aussage von Torsten Pötzsch betrage die Restforderung unter 100.000 Euro. Sie sei schon vor Jahren nicht mehr verfolgt worden, weil sie nicht mehr einzubringen gewesen sei. Das jetzt einem Gericht klarzumachen, wäre äußerst schwierig. Und ein Zwangsvollstreckungsverfahren, wie es der SPD-Stadtrat vorschlug, würde Jahre dauern.

Bedenken gab es wegen der ausgewiesenen Altlastenverdachtsfälle. Wie es aus der Verwaltung hieß, werde das Landratsamt eine Ausnahmegenehmigung erlassen. Diese Freistellung bedeute dann wohl, dass die Stadt für die Altlastensanierung nichts bezahlen müsse?, vergewisserte sich Jens Glasewald (AfD). Das bestätigte der OB.Mit Unterstützung des Landkreises und der Entwicklungsgesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien mbH (Eno) stellte die Stadt Weißwasser für das Vorhaben 2020 einen Antrag auf Förderung nach dem Strukturstärkungsgesetz. Darin sei die Beseitigung der Altlasten aufgenommen worden.

Geld aus dem Kohleausstiegstopf

Als eines von sieben Projekten des Landkreises Görlitz ist der Antrag bewilligt worden. Er muss nun weiter konkretisiert werden. 12,5 Millionen Euro sollen aus dem Kohleausstiegstopf fließen. Das Ziel ist klar: Es sollen Zukunftsimpulse gesetzt, Arbeitsplätze erhalten und neue geschaffen werden. „Das Vorhaben, die städtebaulichen Missstände zu beseitigen, das Bahnhofsquartier aufzuwerten und zu entwickeln und im Rahmen des strukturellen Wandels hier Ansiedlungen aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung, Forschung sowie Bildung entstehen zu lassen, überzeugten die Bundesregierung schlussendlich“, hieß es aus dem Rathaus.

Passieren soll all das in besagtem Forschungs- und Entwicklungscampus mit Büros und angegliederten Wohnflächen. Für dessen Bau möchte die BOB Immobilienkonzepte GmbH das Gelände um die Gelsdorfhütte in einer Gesamtgröße von 37.817 Quadratmeter erwerben. Im Rahmen einer Ausschreibung legte das Berliner Unternehmen mit 580.000 Euro das wirtschaftlichste Gebot vor. Nach den Vorstellungen des Investors könnte das Projekt 2024/25 umgesetzt sein. Allerdings hängt der Zeitplan davon ab, wie lange das Verfahren zur Aufstellung und Genehmigung eines Bebauungsplans für das Gelände dauert. Üblicherweise braucht es dafür ein bis zwei Jahre. Die Stadt werde diesen gemeinsam mit dem Investor entwickeln und vorantreiben, erklärte Torsten Pötzsch.

Räte wollen Gas geben

Jens Glasewald hätte sich gewünscht, „etwas mehr über den Investor zu erfahren, um ein Gefühl zu bekommen, worum es dabei geht“. Wie zu vernehmen war, wird Geschäftsführer Till-Oliver Kalähne das Vorhaben im Stadtrat vorstellen. Dann wird bereits detaillierter darüber zu reden sein, in welcher Form Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung, Forschung und Bildung angesiedelt und dabei innovative Klimaschutzkonzepte umgesetzt werden sollen.Um Spekulationen mit den Grundstücken vorzubeugen, werde der Vertrag eine Bauverpflichtung enthalten, damit der Verkaufszweck tatsächlich erfüllt wird. Auch sei der Verkauf mit der Rechtsaufsicht des Landkreises abgestimmt.

Wie Hans-Eckhard Rudoba (Linke) haben die meisten Räte wohl zum ersten Mal gehört, wie viel Arbeit für das Vorhaben bereits geleistet wurde. Er sei froh, dass es endlich einen Fortschritt gibt. „Ein Forschungs- und Entwicklungs-Campus wäre eine wichtige Voraussetzung, dass wirtschaftliche Entwicklung auch später noch stattfindet. Wir sollten das machen“, erklärte er. Andreas Friebel (Klartext) sprach sich dafür aus, „Gas zu geben“, dass der Schandfleck wegkommt und eine Entwicklung passiert, die nachhaltig ist. „Offenbar waren die Chancen nie größer“, betonte er. Bei einer Enthaltung von Roberto Kuhnert (AfD) stimmte der Stadtrat Weißwasser dem Verkauf zu, der nicht sofort erfolgt.
 

Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 29.05.2021


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Aktualisierung: 31.05.2021


Was von der Gelsdorfhütte übrig blieb, soll als „Denkmal-Ruine“ erhalten bleiben – in Erinnerung an den Ursprung der Glasindustrie in Weißwasser. Das Gelände drumherum zwischen Forster und Jahnstraße soll aufgewertet und städtebaulich entwickel
© Foto: J. Rehle