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Lost Places in der Lausitz: Die Glashütte am Grubenrand
Alte Villen, leerstehende Kliniken oder vor sich hin rostende Industrieanlagen: Solche verlassenen Orte oder Lost Places verströmen oft eine geheimnisvolle Atmosphäre. Die RUNDSCHAU stellt in einer Serie verschiedene Lost Places in der Lausitz vor. Dieses Mal: die Ruine der Glashütte am Tagebaurand.

Von Torsten Richter-Zippack


Milchpause! Welches DDR-Schulkind kannte nicht das vormittägliche Ritual, als Flaschenmilch in verschiedenen Sorten getrunken wurde? Vollmilch, Kakao, Vanille und Erdbeer. Die entsprechenden Flaschen stammten mit hundertprozentiger Sicherheit aus dem Haidemühler Glaswerk. Vor rund 35 Jahren wurden Tag für Tag 345 000 Flaschen in verschiedenen Formen und Größen produziert, heißt es in der Chronik. Für 13 Sortimente, darunter auch die legendären Schulmilchflaschen, war Haidemühl landesweiter Alleinhersteller. Die Hütte zwischen Welzow und Spremberg gehörte in den 1980er-Jahren zu den modernsten ihrer Art in der DDR.

Glaswerk Haidemühl: verwaist und komplett ruinös

Und heute? Gibt es das Glaswerk noch immer. Allerdings längst geschlossen, verwaist und komplett ruinös. Schon von weitem grüßen die beiden Schornsteine. Jede der beiden Landmarken steht für eine der zwei Glaswannen, die es in Haidemühl einst gab. Die existieren längst nicht mehr. Nur noch diverse Steine, manche grün und gelb, künden von der einstigen Produktion. Ansonsten: Leere. Die Maschinen sind nicht mehr da, ebenso fehlt sämtliches Zubehör. Die Hallenscheiben präsentieren sich eingeschlagen. Hier und dort prangen Graffitis an den Wänden. Und an manchen Stellen im Boden tun sich große tiefe Löcher auf.
Wenn Gerhard Richter an der Hütte vorbeifährt, wird dem 80-Jährigen schwer ums Herz. Schließlich hat der Haidemühler 22 Jahre lang im Glaswerk gearbeitet. „Ich war Handwerker, Schlosser und Rohrleger“, erinnert er sich. Ging irgendetwas kaputt, musste Richter ran. Lediglich zwei Minuten brauchte der Arbeiter von seiner Wohnung in der Straße der Einheit bis in die Hütte. Er war einer von geschätzten 300 bis 350 Angestellten des Betriebes.

Glaswerk Haidemühl: Glasproduktion war eine heiße Sache

„Ja, die beiden Wannen waren das Herzstück im Werk“, erzählt Gerhard Richter. Sie waren aus Schamottesteinen gemauert und ruhten auf starken Betonsäulen. Um den Verlust von Wärme zu verhindern, verfügten die Wannen über eine entsprechende Außenisolation. Rund 24 Stunden dauerte es, bis das Glas aus den Zusatzstoffen, die im benachbarten Gemengehaus bereitgestellt wurden, gewonnen war. Per Transportband gelangten Quarzsand, Glasscherben und weiter Stoffe in die Wannen. Bei Temperaturen zwischen 1200 und 1500 Grad wurde die Masse eingeschmolzen und anschließend mittels Automaten in die gewünschten Formen gegossen. Danach hieß es abkühlen, bevor die Ware für den Abtransport verpackt wurde.
„In der Halle war es immer sehr warm. Im Sommer konnte das Thermometer durchaus schon mal auf 60 bis 70 Grad klettern“, sagt Richter. „Daher musste eine Menge getrunken werden“, weiß der Arbeiter.
Auch für die geheimnisvoll wirkenden Löcher im Boden der Halle hat der Haidemühler eine Erklärung parat: „Dort befand sich die Lüftung. Zudem erfolgte die Kühlung des Wassers für die Glasautomaten.“ Die Abgase aus beiden Produktionshallen wurden in aus gelben Ziegelsteinen gemauerten Schornsteine abgeleitet.

Glaswerk Haidemühl: Mit der Wende kam der Absturz

Nach der politischen Wende war der Haidemühler Glashütte keine gute Zukunft mehr beschieden. Damals gehörte der Betrieb gemeinsam mit Drebkau und Großräschen zum Volkseigenen Betrieb (VEB) Behälterglas. Die Treuhand billigte lediglich dem Drebkauer Glaswerk Chancen zu. Dieses Werk produziert als einziger des Trios bis heute.
Dann gab es mehrere Investoren-Ideen für Haidemühl. Erst sollte Glasgranulat aus Flugasche gewonnen werden, das zum Reinigen von Metall oder Glas hätte eingesetzt werden können. Daraus wurde ebenso nichts wie mit dem Ansinnen, eine Glasrecycling-Anlage aufzubauen. Die hochwertigen Maschinen verschwanden, übrig blieben hingegen Massen von zerbrochenem Glas. Letztlich zog der Investor aus dem Süden Deutschlands das Interesse der Justiz auf sich. Damit hatte das letzte Stündlein für die Haidemühler Glasindustrie, die es seit dem Jahr 1831 ununterbrochen gab, geschlagen.

Glaswerk Haidemühl: In Sichtweite steht der Vorschnittbagger

Eigentlich sollte die alte Hütte längst verschwunden sein. Denn in Sichtweite befinden sich bereits die Vorschnittbagger des nahen Tagebaus Welzow-Süd. Während die meisten Haidemühler bereits vor rund anderthalb Jahrzehnten nordöstlich von Spremberg eine neue Heimat fanden, trotzt das Glaswerk bis heute den Stürmen der Zeit. Ebenso stehen noch zwischen 15 und 20 weiterer Gebäude, obwohl der große Rest des Ortes längst abgerissen worden ist. Die Rede ist von ungeklärten Eigentumsverhältnissen aufgrund von Enteignungen während der NS-Zeit.
Perspektivisch muss die Glashütte also verschwinden. Für den aktuellen Betrieb des Tagebaus stellen die noch bestehenden Ruinen keine Beeinträchtigung dar, heißt es vom Bergbaukonzern Leag. „Ein rechtzeitiger Erwerb wird vor der Inanspruchnahme durch den Tagebau angestrebt“, stellt Unternehmenssprecherin Kathi Gerstner klar. Einen Zeitpunkt nennt sie indes nicht.

Glaswerk Haidemühl: illegale Müllberge

So darf die Wüstung Haidemühl noch ein Stückchen weiterleben. Nach wie vor zieht das ruinöse Ensemble Besucher aus nah und fern in seinen Bann, wie die bisweilen zahlreichen Autos mit verschiedensten Kennzeichen links und rechts der Ortsdurchfahrt beweisen. Dabei wird vor einem Betreten der Ruinen und der abgesperrten Bereiche eindringlich gewarnt. Im benachbarten Proschim ärgern sich die Einheimischen vor allem über die Müllberge, die in Alt-Haidemühl abgelagert werden. Diese wurden zwar schon öfter beräumt, doch immer wieder kommen neue hinzu.
Darüber hinaus wartet die Wüstung mit einem kleinen Naturparadies auf. Und zwar mit den Haidemühler Teichen östlich des Radweges nach Bluno. Vier Gewässer bieten den Anglern reichlich Platz. Im ehemaligen Haidemühler Badeteich badet allerdings niemand mehr. Dafür locken Bänke und eine Schutzhütte zur Erholung inmitten einer scheinbar intakten Natur.
„Ich wäre gern im alten Haidemühl geblieben“, resümiert indes Gerhard Richter. Auch er schwärmt nicht nur von der Arbeit in der Hütte, sondern auch von den Teichen. Inzwischen ist der Tagebau Welzow-Süd nur noch wenige hundert Meter entfernt. Und er baggert sich immer näher an die Glashütte und das Teichgebiet heran. Alt-Haidemühl ist quasi ein „Lost Place“ auf Zeit.

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 30.05.2020


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Aktualisierung: 01.06.2020


 
Fotos: T. Richter-Zippack
 
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