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Tragödie vor 20 Jahren Jugendliche erschlagen Obdachlosen in Weißwasser
Genau vor 20 Jahren hat sich in Weißwasser eine Tragödie abgespielt. Jugendliche haben einen Obdachlosen erschlagen. Einfach so.

VON CHRISTIAN KÖHLER


Am 31. Januar 2000, also vor genau 20 Jahren, hat sich in Weißwasser eine Tragödie abgespielt: Mutmaßlich rechtsmotivierte Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren haben in Weißwasser einen Obdachlosen verprügelt. An den Folgen der Misshandlungen ist der Mann gestorben.

Ganze drei Tage haben die Jugendlichen in einer Abrissbaracke in Weißwasser auf das Opfer eingeprügelt. Das Landgericht Görlitz hatte seinerzeit die Verhandlungen geführt, bei der einer der angeklagten Jugendlichen erklärt hatte, der Getötete sei „menschlicher Schrott“.
Zwei Täter werden zu Haftstrafen verurteilt

Der Behauptung, sie hätten von dem Obdachlosen Geld für den Kauf eines Mopeds erpressen wollen und den Mord nicht geplant, folgte das Gericht nicht. Schließlich verurteilte der Richter den Haupttäter zu sieben Jahren Haft wegen räuberischer Erpressung sowie gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge. Ein tatbeteiligter 15-Jähriger erhielt vier Jahre Haft. Ein 16-Jähriger wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Der damalige Richter führte in der Urteilsbegründung aus, dass der Haupttäter die Meinung vertrete, „dass Obdachlose, sozial Schwache und Ausländer wenig wert sind und kein Recht auf Unversehrtheit haben“.
Das Opfer war ein ehemaliger Glasdesigner

Schon einige Jahre hatte das spätere Opfer in der Baracke eines ehemaligen Kindergartens gehaust. Immerhin hatten ihn Jugendliche ab und zu besucht und ihm über die Runden geholfen. Denn das Schicksal, so berichtet Dietrich Mauerhoff in einer Fachzeitschrift, hatte dem damals 52-Jährigen übel mitgespielt.

Bernd Schmidt war bis zur Wende Glasdesigner in Weißwasser – ein angesehener Beruf. Doch, so berichteten schon vor Jahren einstige Glasarbeiter, die „Abwicklungen“ durch die von der damaligen Bundesregierung eingesetzte Treuhand fast aller Weißwasseraner Glasbetriebe hatte schwere „Schicksalsschläge“ für Einzelne bedeutet. Eines dieser Schicksale ist das von Bernd Schmidt.
Arbeitslosigkeit und der Tod der Frau führen zum Absturz

Er hatte wohl nie die Entlassung überwunden, die ihn so wie viele Tausende andere Mitarbeiter Anfang der 90er-Jahre ereilte. Den viel zu frühen Tod seiner Frau sowie Probleme bei der Wiederaufnahme einer Beschäftigung überforderten ihn. In Weißwasser hatte er sich aufgegeben, schämte sich vor seinen ehemaligen Kollegen und Freunden und tauchte in die Obdachlosigkeit unter.

Schließlich ist er im Jahre 2000 tot in jener Baracke aufgefunden worden. Zunächst war die Polizei damals davon ausgegangen, dass er im Alkoholrausch einen Unfall gehabt haben musste. Erst durch mehrere Anzeigen wurde damals intensiver ermittelt, bis schließlich die Jugendlichen gefasst wurden.
Glasdesigner widmete sich dem Wirtschaftsglas

In einer Werbezeitschrift des einstigen Kombinates „Lausitzer Glas“ ist 1987 ein Beitrag über Schmidt erschienen. „Der mag aus heutiger Sicht wie ein Nachruf erscheinen“, merkt Dietrich Mauerhoff an. „Designer Schmidt sieht in der Achtung des industriellen Massenproduktes einen Ausdruck für die Kultur der Gesellschaft. Der 40-jährige Glasgestalter im Stammbetrieb des Kombinates Lausitzer Glas widmet sich seit einigen Jahren fast ausschließlich dem Entwurf von maschinellem Wirtschaftsglas. Für ihn ein weites Feld für künstlerisches Schaffen. Denn der Anspruch an den Künstler, da ist sich der Designer sicher, wächst hier aus dem Spannungsfeld Ästhetik, Technologie und Ökonomie.“ Der Glasdesigner „war einfach ein Könner seines Fachs“, berichtet Mauerhoff der RUNDSCHAU.
Noch heute ist die Geschichte aktuell

Bernd Schmidt steht in Weißwasser heute nicht nur für den tragischen Niedergang einer Industrie in der „Glasmacherstadt“, die lediglich durch den letzten verbliebenen Glasproduzenten Stölzle Lausitz am Leben gehalten wird. Vielmehr erzählt seine Geschichte auch von einem gesellschaftlichen Veränderungsprozess, der noch heute anhält. Perspektivlosigkeit und Machtlosigkeit haben dazu geführt, dass ein Großteil der Menschen die Stadt verlassen hat. Während sich viele in den vergangenen 30 Jahren neu orientiert haben, gibt es aber auch einige, die sich vom Strukturbruch der 1990er-Jahre nicht mehr erholt haben.

Und dann gibt es noch jene, die sich in rechten Strukturen verirrt haben. Schon Anfang des Jahrtausends haben Jugendliche in Weißwasser Ansichten vertreten haben, die noch bis heute in so manchen Köpfen spuken.

Keiner hätte es wohl für möglich gehalten, so schreibt Dietrich Mauerhoff, dass in der Biografie eines Glasdesigners aus Weißwasser am Schluss stehen würde: „Als Obdachloser am 31. Januar 2000 von Jugendlichen erschlagen.“


Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 31.01.2020


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Aktualisierung: 29.02.2020


Das Foto zeigt Glasdesigner Bernd Schmidt 1987 in einer Werbepublikation für das Kombinat „Lausitzer Glas“.
Foto: Schulze/Uhlmann
 
 
 
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