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Ein Weißwasseraner Urgestein
Trotz seiner 91 Jahre führt Willy Rogenz noch immer Gäste durchs Glasmuseum. Persönlicher geht es kaum.

Von Constanze Knappe



Wenn Willy Rogenz erzählt, kleben die Besucher im Glasmuseum förmlich an seinen Lippen. Kein Wunder: Der Weißwasseraner kennt die historischen Fakten aus dem Effeff und weiß, sie mit Geschichten aus dem eigenen Erleben zu würzen. Authentischer kann Historie nicht vermittelt werden. Das stolze Alter von 91 Jahren merkt man ihm dabei gar nicht an.

Als Mitglied des Fördervereins hat er mehrmals im Jahr an Sonn- und Feiertagen Dienst. Außerdem führt er Besucher durchs Museum: Schulklassen, Erwachsenengruppen, ebenso Gäste des Oberbürgermeisters. Das sei dann schon eine anspruchsvolle Sache, kommentiert er. Siebenmal waren seine Führungen in diesem Jahr bereits gefragt.

Als Jahrgang 1928 habe er in vier Gesellschaftsordnungen gelebt – geboren und getauft in der Weimarer Zeit, ging er im sogenannten Tausendjährigen Reich zur Schule, machte im Sozialismus Abitur und hat seinen Beruf „mit Höhen und Tiefen, mit Lust und Liebe ausgeübt“. In der Marktwirtschaft ist er seit 27 Jahren Rentner. Bis auf zwei Jahre sei er immer hier gewesen.

Spross einer Glasmacherfamilie

Seine Mutter stammte aus dem Glatzer Bergland, sein Vater aus dem Brandenburgischen. Er selber, sagt er lachend, sei in Weißwasser entstanden. Als Sprössling von Glasmachern. Vater, Großvater und alle Onkel waren das, die Mutter arbeitete im Zulieferbereich. 1945 kehrte die Familie, die nach der Evakuierung von Weißwasser in Thüringen Zuflucht fand, nach Hause zurück. Die Bärenhütte, so erzählt Willy Rogenz, sei der erste Betrieb gewesen, in dem es wieder losging. Er half beim Saubermachen, bekam ein Mittagessen dafür.

Ab 1946 war die Oberschule wieder offen. Mit drei Mark Taschengeld die Woche lernte Willy Rogenz dort bis zum Abitur. Da war er 21. Für ein Studium „fehlte den Eltern das nötige Kleingeld“. Seine Mutter riet ihm, Lehrer zu werden. Was anderes könne er dann immer noch machen. Also wurde er Neulehrer an der Berufsschule der Lowa in Niesky (Waggonbau). Für 150 Mark im Monat. Eine Prüfungskommission befand, dass aus ihm „ein Lehrer werden könne“. Immer sonnabends saß er dann selber auf der Schulbank. Er bestand die erste Lehrerprüfung wie auch die zweite an der Pädagogischen Hochschule in Potsdam.

Als junger Spund Verantwortung

Seiner Freundin wegen zog es ihn nach Weißwasser. Die Nieskyer wollten den Fußballer, der er in seiner Freizeit war, nicht ziehen lassen. Ab 1951 arbeitete er in der Keulahütte in Krauschwitz. 1952 wurde er stellvertretender und im Jahr darauf Leiter der kommunalen Berufsschule in Weißwasser. „Ich als junger Spund hatte plötzlich Verantwortung für 25 Kollegen und 1 000 Schüler“, erinnert er sich.

Drei Jahre später wurden die Betriebsberufsschulen gebildet– eine Kombination aus praktischer Ausbildung, Schule und Wohnheim. Weil er nicht aus der Praxis kam, konnte er nicht Direktor werden. Jedenfalls nicht sofort. Später wurde er es aber doch – und in einem fünfjährigen Abendstudium Ingenieur für Glastechnik. Zu jener Zeit spielte er noch Fußball – mit Chemie Weißwasser sogar in der 2. DDR-Liga. „Da war man froh, wenn es dafür ein warmes Essen gab“, sagt er. Die Spieler wurden zweimal die Woche an den Nachmittagen für den Sport freigestellt.

Ein Unfall setzte allen sportlichen Ambitionen ein jähes Ende. Er lag viele Wochen im Krankenhaus. Um seinen Studienabschluss trotzdem zu schaffen, gab er das Amt des Direktors ab, arbeitete nur noch als Lehrer. Damals wurden in Weißwasser Lehrlinge aus Vietnam ausgebildet, außerdem zehn junge Männer aus Nordkorea. Sie wollten, dass er ihnen das Fußballspielen beibringt. „Es war eine schöne Zeit, sich so mit der Jugend zu beschäftigen“, sagt er.

Von 1980 bis 1990 war er Abteilungsleiter Theorie an der Betriebsberufsschule. Er hatte 14 Lehrer unter sich, war für Stundenpläne und Prüfungsaufgaben zuständig, an einer Arbeitsgruppe beteiligt, die die Lehrbücher schrieb – und einheitliche Ausbildungsunterlagen für Glasmacher und Glasmaler. In Weißwasser befand sich zu jener Zeit die zentrale Ausbildungsstätte der DDR für Glasschleifer, Graveure, Glasmaler und die technische Glasherstellung. Nach anderthalb Jahren gingen die Berufsschüler in die Betriebe, um dort nach einem weiteren halben Jahr die Abschlussprüfung zu absolvieren. Schätzungsweise 500 Schüler taten das in dieser Zeit.

Mit Herz fürs Glasmuseum

Mit der Wende war klar, dass die Betriebsberufsschulen geschlossen werden. Willy Rogenz regte einen „Runden Tisch“ an, um sich mit Problemen der Ausbildung junger Menschen zu befassen. 1990 wurde auch die Glasmacherschule in Weißwasser aufgelöst, als kommunale Berufsschule dem Landkreis unterstellt sowie die praktische Ausbildung den Betrieben angegliedert. In jenem Jahr sollte auch ein neues Direktorium gewählt werden. Da er bereits 63 war, bewarb er sich nicht, nutzte stattdessen den Vorruhestand. Er hatte jedoch maßgeblichen Anteil daran, dass Fritz Jaschke sein Nachfolger wurde. „Ich bin in Ruhe und Frieden gegangen“, fügt er hinzu. Noch Jahre lang habe er die früheren Kollegen an seinem Geburtstag eingeladen.

Fast von Anfang an ist Willy Rogenz Mitglied im Förderverein des Glasmuseums. Man habe damals ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht. Weil er selbst mit der Glasindustrie verwachsen ist, meldete er sich. Auch habe er dafür gesorgt, dass das Hafenofenmodell und andere Dinge aus der Betriebsberufsschule ins Museum kamen. Willy Rogenz kann bis heute „nicht nachvollziehen, dass bei allen Bemühungen um Sparsamkeit in der Stadt jemand auf den Gedanken kam, die Einrichtung könne überflüssig sein“.

Ein spezielles Lieblingsstück hat er nicht, verweist dann aber doch auf das Juwel des Museums: die Arsall-Gläser. Ob er Schüler- oder Erwachsenengruppen führt, das ist ihm eigentlich gleich. Er will nur sein Wissen über die Glasindustrie in Weißwasser weitergeben – „so lange Körper und Geist mitmachen“. In letzter Zeit würden ihm jedoch Gleichgewichtsstörungen zu schaffen machen.

Mit sich selbst im Reinen

Auf seinen 100. Geburtstag schaut Willy Rogenz nicht voraus, stattdessen mit seiner Lebensgefährtin Helga Heinrich lieber nur auf den nächsten Tag nach dem Motto: „Das Beste aus jedem Tag machen“. Seit 1999 verwitwet, ist er traurig darüber, dass Sohn, Enkel und Urenkel über 800 Kilometer weit weg wohnen. Aber: „Ich bin zufrieden mit meinem Leben“, sagt er. Man merkt ihm an, dass er mit sich im Reinen ist. Sein Wunsch: „100 Jahre alt werden und dann tot umfallen“. Die Begründung folgt sogleich: Er fürchte sich ein bisschen davor, irgendwann nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein. Sein Hobby Fußball wie auch die Zeit des Reisens sind inzwischen passé. Stattdessen bewirtschaftet er einen großen Garten und macht gerne Kreuzworträtsel. „Um den Geist zu erhalten“, wie er sagt.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 31.07.2019


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Aktualisierung:
31.07.2019


 

Wenn Willy Rogenz über die Geschichte der Glasindustrie in Weißwasser erzählt, dann mit der Leidenschaft eines Alteingesessenen.
Foto: J. Rehle